Ich habe die Wahl, hier sehr sachlich zu erklären, warum es diesen Shop „Dagobay.com“ gibt, doch das geht so einfach nicht. Es lässt sich eigentlich nur emotional begründen. Ich heiße übrigens Gordon und bin im September 1971 geboren. Somit bin ich auf dem besten Weg, ein echter OPI-Wan Kenobi zu werden, und ja: Ich würde verstehen, wenn mich jemand wegen schlechter Wortwitze mit einem Lichtschwert niederstreckt. Dagobay.com wurde Mitte September 2025 online gestellt, quasi zu meinem 54. Geburtstag. Der Shop fühlt sich noch wie ein junger Padawan an, er schaut sich noch ein bisschen um, lernt immer mehr dazu, sammelt Freunde und Erfahrungen. Er ist sehr gewissenhaft, und sein Plan ist es, auf der hellen Seite zu bleiben und Partner an seiner Seite zu haben, die ihn begleiten.
Aber warum habe ich mich dafür entschieden, einen Online-Shop mit dem Schwerpunkt Star Wars zu starten? Mitte 2025 saß ich mit einer Tasse Kaffee in der Hand, auf der „I LOVE PAPA“ geschrieben steht, im Garten und schaute über den Gartenzaun hinweg zu dem Waldrand, der nur wenige Meter entfernt ist, und fragte mich:
„Was hat mich niemals verlassen? Was ist niemals ganz erloschen?“
Die Antwort ist: „Star Wars!“.
Ich weiß noch, wie das Feuer startete. Meine Mutter und ich waren oft in Offenbach am Main einkaufen. Dort gab es dieses eine Kino mit den Sälen Palast, Gloria und Rex. Im Eingangsbereich des Kinos hingen die Plakate und Fotos von bestimmten Filmszenen in Glasschaukästen. Diese schauten wir uns jedes mal an, um unseren nächsten Kinobesuch zu planen. Diesmal war es kein Zeichentrickfilm wie „Elliott das Schmunzelmonster“ oder „Merlin der Zauberer“, der mich in den Bann zog, sondern eine andere Welt. Nachdem wir diese Fotos mit diesen leuchtenden Schwertern, dem schwarzen Helm, dem haarigen großen Bär(?), dem goldenen Roboter und dem kleinen grünen Sumpfbewohner gesehen hatten, war uns klar, dass wir diesen Film sehen werden.
Es muss ein Tag im Dezember 1980 gewesen sein, als meine Mutter mit meinem damaligen 9-jährigen Ich in einen Film namens „Das Imperium schlägt zurück“ ging. Dort habe ich die Charaktere das erste Mal gesehen, und ich war sofort Teil dieser Galaxie. Damals war ich neun Jahre alt, eventuell verstand ich noch nicht alles, was dort auf der Kinoleinwand geschah, aber mein Herz fühlte, dass da etwas Weltbewegendes für mich in mein Leben trat. Ich kann mich noch erinnern, dass es nach dem Film dunkel war, als meine Mutter mit mir zu ihrem silbernen Polo ging und ich währenddessen nur von diesem Film erzählte. Meine Mutter musste lachen, als ich sagte, dass Chewbacca ein bisschen aussieht wie John Travolta. Und ich stehe immer noch zu dieser Aussage. Schaut Euch doch mal John Travolta in „Saturday Night Fever“ an und vergleicht das Gesicht mit Chewbaccas Gesicht. Ich sehe da immer noch Ähnlichkeiten. Nach diesem Film war meine Schlumpf-Ära sofort beendet, und die Firma „Kenner“ war plötzlich der Lieferant meiner Kindheit.
Ganz klar: wenn ich an meine Kindheit denke, dann denke ich an Star Wars. Untrennbar mit meiner Kindheit verbunden war meine damalige beste Freundin Tina. Ihre Haupt-Spielfigur war Leia im Bespin-Outfit, meine war Han Solo aus Episode IV. Ich wuchs hauptsächlich bei meinen Großeltern auf, Tina war die direkte Nachbarin. Wir spielten jeden Tag mit den Figuren. Im Winter haben wir den Wohnzimmertisch oder den Boden belagert, und es kam auch schon mal vor, dass mein Opa in sockenbekleideten Füßen auf Greedo trat, was ihn auch mal schmerzhaft fluchen ließ. Wir schauten die VHS-Kassetten von Episode IV und Episode V, die meine Oma aus der Videothek mitbringen sollte. Natürlich wurde der Kassettenrekorder vor den Röhrenfernseher gestellt, damit wir wenigstens den Ton aufnehmen konnten, und alle durften während der Aufnahme nicht sprechen. Oftmals nahmen Tina und ich selbst Hörspiele auf oder besser gesagt: wir nahmen den Ton auf, während wir spielten und hörten es uns tatsächlich auch mehrfach an und lachten über unsere eigenen Witze.
Eines Tages kam „Rückkehr der Jedi-Ritter“ in die Kinos. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor zwischen Episode V und Episode VI. Meine Oma begleitete Tina und mich in das Kino in Offenbach. Ich habe heute noch einmal länger darüber nachgedacht, ob mich ein anderes Kinoerlebnis ähnlich verzaubert hat wie dieser Film. Es war so unfassbar toll für unser 12-jähriges Ich, unsere Helden auf der Leinwand zu sehen, mit denen wir schon ca. zwei bis drei Jahre täglich spielten. Ich kann nicht alles aufzählen, was damals einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Endor, Ewoks, Jabba, Rancor … es war so perfekt und sollte niemals enden. Endor hatte uns so begeistert, dass Tina und ich entschieden, Endor im Garten nachzubauen. Meine Oma opferte ihr Tomaten- und Bohnenbeet, damit wir uns dort unsere Welt einrichten konnten. Wir bastelten Hütten aus kleinen Ästen, die wir mit Draht verknüpften, machten kleine Lagerfeuer aus Teelichtern, und eine unserer Hauptaktionen war, dass wir uns zwei Löcher in den Boden gruben, in denen wir stehen konnten, sodass der Boden quasi zu unserer „Tischplatte“ wurde. Überhaupt war Erde das Hauptelement um uns herum: unsere Hosen voller Erdflecken, die Fingernägel voller Erde, Erde in den Haaren, in den T-Shirts, die Hände rauh. Wir legten einen kleinen Teich mit einer Teichfolie an. Auch eine LGB-Garteneisenbahn, die ziemlich gut für die Figuren passte, schlängelte sich durch unser Endor.
Tina kletterte jeden Tag nach der Schule über den Maschendrahtzaun und landete auf Endor. Mit 12/13 Jahren ist man schon stark an der Grenze, dass so langsam andere Interessen in das Leben kommen, und so war es auch bei Tina und mir. Das Spielen mit den Figuren wurde plötzlich spürbar weniger verspielt, und irgendwann musste man sich eingestehen, dass es in dieser Form nicht mehr möglich war, so tief in diese eigenen Geschichten einzutauchen. Ich erinnere mich, dass ich traurig war, aber auch selbst nichts daran ändern konnte. Tina kletterte bald nicht mehr über den Zaun, und ich wartete auch nicht mehr auf Endor. Endor wurde wieder zu einem normalen Garten.
Ich wusste, dass mich Star Wars nicht verlassen würde oder ich Star Wars verlassen könnte. Und so kam eine andere Ära zu mir. Ich begann, Star-Wars-Geschichten zu schreiben. Mein Vater hatte sein Büro im Kellergeschoss seiner Eltern. Dieses Büro verschlossen seine Eltern als ein unberührtes Andenken an ihn. Dies waren die Großeltern, die ich immer mal besuchte; es waren nicht die Großeltern, bei denen ich aufwuchs. Mein Vater starb, als ich zehn Jahre alt war, also zwischen Episode V und Episode VI. Ich möchte jetzt thematisch nicht zu tief gehen, aber die Thematik „Vater-Sohn“, die eine starke Vibration in der gesamten Saga darstellt, schwingt in mir immer ein bisschen stärker mit. Ich fragte meine Großeltern, ob ich die Schreibmaschine meines Vaters haben dürfte, und ich erzählte ihnen, was ich damit vorhabe. Natürlich bekam ich sie.
Ab jetzt hörte man lautes Getippe aus meinem Kinderzimmer. Ich schrieb eine ganze Menge, viele, viele Seiten. Es waren jedoch die Geschichten, die Tina und ich gespielt hätten, wenn wir noch gespielt hätten. Wir hatten bei unseren Geschichten keinen solch großen Wert auf den Canon gelegt. So war Greedo zum Beispiel ein guter Freund, und Yoda hatte einen Bruder. Und vieles mehr.
Irgendwann hörte ich auf zu schreiben. Ich weiß nicht mehr genau, warum. Vermutlich kam doch eine gewisse Müdigkeit zu mir, was Star Wars betraf. Ich hatte niemanden, mit dem ich meine Geschichten wirklich austauschen konnte. Tina fand eine neue und größere Leidenschaft: Depeche Mode. Ich sah sie natürlich dennoch sehr oft, wir gingen seit der vierten Klasse in dieselbe Klasse. Meine Geschichten zeigte ich nur meiner Oma und meiner Mutter, die jedoch nicht so viel mit den Figuren anfangen konnten, was auch verständlich war.
Eines Tages fand eine Projektwoche in der Schule statt, und eher durch Zufall geriet ich in die Gruppe „Super-8-Filme“. Eine weitere Ära begann. Ich lernte die Stop-Motion-Technik, und es war klar, dass ich meine Star-Wars-Figuren zum Leben erwecken werde. Nach der Projektwoche war mein Plan, manche Szenen aus meinen Geschichten mit Stop-Motion zum Leben zu erwecken. Und genau das habe ich getan. Damals war ich vermutlich 14 Jahre alt. Ich drehte viele Szenen. Manches spielte in Gängen unter der Erde, manches im Schnee auf Hoth, manches auf Tatooine und manches auf Dagobah. Eine Super-8-Rolle hatte ca. 10 Minuten Film zur Verfügung, wenn ich mich nicht irre. Wenn die Rolle vollgefilmt war, musste sie zum Entwickeln gebracht werden. Das dauerte oft bis zu drei Wochen, und es war sehr spannend, wenn meine Oma mit der Rolle vom Fotogeschäft zurückkam und ich den Film betrachten konnte. Dann wurden die Rollläden heruntergelassen, der laut ratternde, nach warmem Staub riechende Filmprojektor eingeschaltet und die Filmrolle eingefädelt. Der Projektor ratterte, während der Film auf der ausziehbaren kleinen Leinwand mehr schlecht als recht erkennbar erschien. Es war für mich wie Kino, und ich fühlte mich ein bisschen wie George Lucas, ohne damals überhaupt gewusst zu haben, wer George Lucas ist. Natürlich endete auch bald diese Stop-Motion-Ära, obwohl mich das Thema „Stop-Motion“ noch immer fasziniert und ich ab und zu ein bisschen damit experimentiere. So habe ich zum Beispiel in ein paar Instagram- und TikTok-Videos für den Online-Shop teilweise Stop-Motion verwendet, um die Figuren ein bisschen zu erwecken.
Yoda, also die Figur von Kenner, begleitet mich seit vielen Jahren und kam in seinem Leben an meiner Seite in ein paar bedrohliche Situationen. In meiner Stop-Motion-Ära baute ich auf zwei großen Tischen Dagobah nach. Mein Dagobah bestand hauptsächlich aus trockenem Moos und Zweigen, die ich im Wald gesammelt und wie Bäume aufgestellt habe. Yoda sollte einen Felsen besitzen, in dem es eine kleine Mulde gab, in die er sich setzen konnte. Also schnitt ich aus Schaumgummi einen ca. 20 × 20 cm großen Felsen und sprühte diesen mit grünem Spraylack an. Ich stellte die Super-8-Kamera an ihren Platz und machte die Szene bereit für die Aufnahme. Teil der Szene war ein kleines Lagerfeuer in Form eines Teelichtes. Der noch feuchte grüne Lackschaumgummi fing sofort Feuer, und der Wald aus dürren Zweigen stand sehr schnell in Flammen. Offensichtlich hatte ich den Wald aus Reisig und Zunder gebaut. Das Problem war, dass der brennende Tisch vor mir stand und hinter mir die Wand meines Kinderzimmers. Natürlich wollte ich meine Oma und meinen ohnehin schon herzkranken Opa mit den Worten „Ich glaube, Dagobah brennt!“ nicht in Panik versetzen. Stattdessen drängte ich mich neben dem Tisch vorbei, schnappte ein großes Handtuch aus dem Zimmer meines Opas, rannte zurück in mein Zimmer und tauchte das Tuch in das Aquarium, das dort stand. Damit löschte ich Dagobah. Yodas Mantel hatte leichte Brandspuren, sonst blieb er unversehrt.
Die Stop-Motion-Ära endete. Nachdem ich eines Tages alle Star-Wars-Figuren in einen Klappkoffer packte und diesen Koffer in den Keller stellte, ließ ich die Figur von Yoda an der Oberfläche. Yoda stand in meinem Jugendzimmer und schaute mir beim Lernen fürs Abi zu oder als ich für mein Kommunikationsdesign-Studium zeichnete. Er landete auf dem Monitor meines ersten Macintosh Quadra 950, mit dem ich meine ersten Grafik-Jobs in Photoshop 3.0 umsetzte. Yoda wanderte von Monitor zu Monitor, und er schaute mich immer weise von der oberen Kante des Screens herab an. Sogar mit Mantel, Schlange und Stock.
Vor einigen Jahren jedoch, als es zu einem Umzug kam, verlor sich Yoda in einer Kiste und landete auf dem Dachboden, während die anderen Figuren im Keller Ruhe fanden. Im August 2023 brannte plötzlich mein Dachboden. Es war nicht viel Kostbares auf diesem Dachboden, da ich ihn hauptsächlich für ein Lager von Dingen verwendete, die ich eigentlich nicht mehr brauchte. In einer der verbrannten Kisten lag Yoda. Angebrannt, aber nicht verbrannt. Seitdem ist Yoda wieder an der Oberfläche, und es war ein ausschlaggebender Punkt, warum ich meinen Shop, in Anlehnung an Dagobah, nun „Dagobay“ nennen werde. Yoda sollte mich auch hier wieder begleiten.
Nachdem damals die Kindheit mit meiner Star-Wars-Tina in eine Jugend überging und sie und wir selbstverständlich nicht mehr so kindlich verspielt waren und uns das Erwachsenwerden unsere Fantasiewelt immer mehr verkleinerte, gingen wir immer mehr unsere eigenen und teilweise sehr unterschiedlichen, fast fremden, Wege. Neue Bekanntschaften, Freunde, Ausbildungen, Berufe nahmen sehr viel mehr in Anspruch, als wir uns das als Kinder vorgestellt hätten. Selbst als Episode I bis III in die Kinos kamen, wärmte das unsere Beziehung nicht wieder auf. Es war zu viel anderes geschehen, jeder ging seinen Weg. Die letzten Jahre schrieben wir uns immer mal online und gratulierten uns zum Geburtstag. Kurz nachdem ich Dagobay gestartet habe, habe ich Tina geschrieben und sie gefragt, ob sie noch Fotos von unserem Endor hätte, was sie verneinte.
Kurz vor Weihnachten 2025 erhielt ich eine E-Mail von Tinas Schwester mit der Information, dass Tina verstorben ist. Bei der Beisetzung im Januar wurden zwei Lieder von Depeche Mode gespielt. Ich war der einzige, der die Erde nicht mit der Schippe, sondern mit der Hand auf die Urne in dem Erdloch fallen ließ und dachte dabei an unsere Zeit.
Wenn ich die Fähigkeit besäße, einen Star-Wars-Film zu drehen, würde ich Tina diesen Film widmen. Letztlich ist es nur ein Star-Wars-Shop geworden, doch diesen möchte ich ihr widmen und ihr für die Kindheit danken, die ich mit ihr verbringen durfte. Für die Geschichten, die Fantasie und Abenteuer, die ich nur mit ihr erleben konnte.
Danke, Tina.